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06.12.2009

Gleichberechtigung in der Türkei

Aktueller Bericht sieht schwere Defizite
 

Gleichberechtigung in der Türkei

Aktueller Bericht sieht schwere Defizite

Nach einem aktuellen Bericht des Weltwirtschaftsforums rangiert die Türkei bei der Gleichberechtigung von Frauen im internationalen Vergleich auf Platz 129 von insgesamt 134 untersuchten Staaten. Nur in Saudi-Arabien, Benin, Pakistan, Tschad und dem Jemen stellt sich die Lage der Frauen noch schlechter dar. 2006 stand die Türkei immerhin noch auf Platz 106 der Liste.

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Die Situation der türkischen Frauen hat sich in den letzten Jahren unter der Ägide der islamisch-nationalistischen AKP also verschlechtert und nicht etwa verbessert. Dieses Ergebnis steht im klaren Widerspruch zu den angeblichen Reformbestrebungen Ankaras, mit denen die türkische Regierung ihr Land auf eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union vorbereitet will.

Wie es um die Gleichberechtigung von Frauen am Bosporus konkret bestellt ist, zeigen folgende Fakten: 20 Prozent der türkischen Frauen können weder Lesen noch Schreiben. Die Schulbesuchsquote von Jungen in der Türkei beträgt 99,9 Prozent, die von Mädchen dagegen nur 95,7 Prozent. Hinzu kommt, daß viele Mädchen die Schule schon nach der 5. Klasse verlassen, was sich in den statistischen Zahlen nicht widerspiegelt. In puncto Schulbesuch von Mädchen steht die Türkei im internationalen Vergleich deshalb nur auf Platz 110.

Schwach sind Frauen auch im Berufsleben repräsentiert: Gerade einmal 22 Prozent der Frauen gehen einer Erwerbsarbeit nach. Häufig üben sie geringqualifizierte Tätigkeiten aus. Das liegt nicht zuletzt an dem archaischen Familienverständnis, das auch die islamisch-nationalistischen AKP-Regierung propagiert. So verlangt Ministerpräsident Recep T. Erdogan von jungen Paaren, mindestens drei Kinder in die Welt zu setzen, was nach Berechnungen der UNO zur Folge hat, daß die Bevölkerungszahl in der Türkei bis 2050 von heute 71 Millionen auf dann 105 Millionen Menschen wachsen wird. Da es an Kinderbetreuungseinrichtungen im Land fehlt, bleibt den meisten Frauen nur die Rolle als Hausfrau und Mutter.

Auch in Ehe und Familie werden türkische Frauen häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt. Umfragen zufolge wird jede dritte Frau in der Türkei Opfer häuslicher Gewalt. Arrangierte Ehen und Zwangsverheiratungen sind vor allem in den unterentwickelten Regionen Süd- und Südostanatoliens verbreitet. Ein Viertel der Bräute ist bei ihrer Heirat noch nicht volljährig. Ein prominentes Beispiel ist der heutige türkische Staatspräsident und frühere Außenminister Abdullah Gül. Als Gül mit 30 seine Frau Hayrünnisa ehelichte, war die gerade einmal 15 Jahre alt.

Angesichts dieser Zustände wäre zu erwarten, daß Frauenrechtlerinnen in ganz Europa aufschreien und sich durch lautstarke Proteste für ihre Geschlechtsgenossinnen in der Türkei einsetzen. Vor allem linke Partei wie Sozialdemokraten und Grüne, die hierzulande gerne die vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft anprangern, sollten dabei an vorderster Front stehen. Doch von Ausnahmen abgesehen hüllt sich die politische Linke weitgehend in Schweigen. Und selbst Zwangsverheiratungen und Gewalt gegen Frauen bis hin zu sog. „Ehrenmorden“ an türkischen Frauen in Deutschland werden gerne verharmlost oder als „Einzelfälle“ abgetan. Offenbar soll jede Kritik an der türkischen Lebensweise, die sich gegen einen EU-Beitritt des kleinasiatischen Landes verwenden läßt, tunlichst vermieden werden, auch wenn man dazu die eigenen Prinzipien über Bord werfen muß.

Eines macht die aktuelle Untersuchung des Weltwirtschaftsforums noch einmal deutlich: Die These, durch die EU-Beitrittsperspektive würden sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei zum Besseren wandeln, stimmt so nicht. Und diese Feststellung gilt nicht nur für die Frage der Gleichberechtigung.


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